UNSERE CD-TIPP FÜR EUCH!

Hier besprechen wir regelmäßig hörenswerte CDs aus allen Bereichen der Weltmusik für Euch und stellen Klassikeralben und "Must-haves" vor.

 

LOS DOS Y COMPANEROS „Salsa guerrilleros“

Jo mei, san ma hier denn schoa in Kuba? Wenn es nach dem bayrischen Musikerkollektiv Los Dos y companeros lautet die Antwort ganz klar „Ja“! Bereits 2010 steckten sie sich mit ihrem Debüt „Kula sack“ und einer aberwitzigen Mischung aus Latino-Klängen und bayrischen Mundarttexte ein kleines Stück Südamerika in Süddeutschland ab. Jetzt folgt das Nachfolgewerk „Salsa guerrilleros“, welches wieder mit viel Spielwitz, dem Feuer lateinamerikanischer Musik und elf heißblütig aufspielenden Musikern den Spagat zwischen Cubana und Bavaria schafft. Dabei gelingt dem Haufen aus dem beschaulichen Städtchen Amberg einen absolut klassischer Sound aus Salsa, Son und Samba, den selbst Puristen als absolut authentisch und packend bezeichnen müssen. Von messerscharfen Bläsereinsätzen bis hin zum manischen Aufspielen der Timbales stimmt hier alles, was auch in den Barrios von Brasilien, Argentinien oder Venezuela dem tanzwütigen Volk einheizen würde. Selbst vor Son Klassikern wie „Chan Chan“ macht die Band nicht Halt, welches aber kurzerhand in „Mia hom an Seier“ umgedichtet wird. A bisserl Heimatliebe muss sein und wenn es sich dann noch auf derart freudestrahlende Weise mit brodelnden Salsarhythmen und lässigem Son cubano vermischt, macht es fast gar nichts, wenn man des bayrischen nicht mächtig. Spanisch würde man schließlich auch nicht verstehen.

(V.Ö.: 27. Januar 2012/ Label: Timba)

 

BABA ZULA „Gecekondu“

Istanbul hat sich mit seiner überaus vitalen Musikszene mittlerweile zu einer der kulturellen Hauptstädte Europas gemausert. In der Stadt am Bosperus verschmelzen nicht nur die verschiedensten Stile aus Europa, Arabien und dem Orient. Sondern wie kaum woanders trifft hier zutiefst traditionelle Musik auf die Moderne und lässt einen völlig neuen und brandheißen Klangkosmos entstehen. Die mittlerweile weit über die Grenzen ihres Landes bekannten und geschätzten Baba Zula kann man hierbei gerne als eines der Gesichter dieser kreativen Szene bezeichnen. Denn ihre Musik verkörpert doch alles, was sich in den ehrwürdigen Gassen dieser Metropole aktuell zusammenbraut. Und noch mehr: Mit ihrem aktuellen Album „Gecekondu“ erschafft das Quartett – unterstützt von so namenhaften Musikern wie Bugge Wesseltoft und Dr. Das von Asian Dub Foundation – ein so einnehmendes, klangliches Bild ihrer Heimat, dass den Hörer gedanklich unmittelbar in das städtische Treiben der Metropole versinken lässt. Satte Dubrhythmen und psychedelische 60s Sounds lassen einen dichten Klangteppich entstehen, in den mit zahlreichen. elektronischen Elementen eine Wegweiser an die geheimnisvollsten Orte der Stadt gewoben wird. Dazu lassen traditionell orientalische Klänge, wie das sinnverwirrende Zirpen der Saz und stoischen Percussionläufe, das urbane Chaos Istanbuls hautnah fühlen und schicken den Hörer direkt in die „Gecekondu“, dem neusten informellen Siedlungsprojekt der Stadt. Einem Ort, an dem halblegale Existenzen unbeachtet im pulsierenden Chaos der Stadt versinken, nur um am Tage wieder Bestandteil des städtischen Lebens zu werden. Was könnte dazu besser als Soundtrack passen, als der lange, psychedelische und klanglich intensive Trek, auf den uns Baba Zula mit „Gecekondu“ mitnehmen?

(V.Ö.: 27. März 2012/ Label: Essay Recordings)

 

AMSTERDAM KLEZMER BAND „Mokum“

Man kann die Alben der holländischen Klezmer Institution AMSTERDAM KLEZMER BAND noch so lieben und sich an der virtuosen Musikalität der Gruppe ergötzen, die wahre Brillanz der Truppe zeigt sich vor allem und immer wieder auf ihren grandiosen Konzerten. Mit „Mokum“ wird dem nun Tribut gezollt und ein 16 Songs umfassendes Livealbum veröffentlicht, das den Hörer von der ersten Sekunde des Klassikers „Naie chuppe“ bis zum letzten Ton des Tanzhits „Limonchiki“ fesselt. Anders als viele ihrer musikalischen Nachbarn kommt die Amsterdam Klezmer Band dabei wie immer ohne Beats und elektronischen Schnick Schnack aus, sie vertrauen voll und ganz auf ihre beeindruckenden Spielfertigkeiten und die pure Wucht des Klezmer, den sie gekonnt mit modernen Elementen aus Rock, Reggae und Funk anreichern. Kein Hit wird ausgelassen. Vom rasenden „Fryska bulgar“ über das balkanesque „Son“ und dem jazzigen „Blue hora“ bis hin zum stampfenden Marsch „Naie kasha“ hat die Band alles im Programm, was beim Hören schon den Tanzschweiß auf die Stirn treibt und jeder Ostfolklore Fan von unzähligen Clubremixen kennt. Zu keinem Moment kommt dabei Langeweile auf. Jubilierende Geigen und schwindelerregend-aufspielende Klarinetten versetzen den Zuhörer in einen wahren Sinnesrausch und die treibenden Tubarhythmen machen das Stillsitzen quasi unmöglich. Mit „Mokum“ brilliert die Amsterdam Klezmer Band einmal mehr mit dem, was sie am besten kann: Die Menschen vor ihrer Bühne in den Konzertsälen dieser Welt zum Toben und zum Jubeln zu bringen. Mit diesem Album kann man dies nun jederzeit zuhause erleben.

(V.Ö.:2.März 2012/ Label: Essay Recordings)

 

 

BUDZILLUS „Auf Gedeih &Verderben“

Der Albumtitel könnte nicht besser gewählt sein. „Auf Gedeih & Verderben“ heißt im Budzillus Jargon nämlich nichts anderes als „weiter, immer weiter“ und das könnte kein besseres Motto für die fünf Berliner Jungs sein. Seit ihrer Gründung 2005 als Hochzeitsband spielen sich Budzillus im engsten Club oder im größten Stadion, auf der Straße oder auf den Festivals der Welt die Finger wund und bringen ihren famosen Oriental-Swing-Punk unter die Leute. Da kommen schon mal 100 Konzerte pro Jahr zusammen. Doch wichtiger ist: Es entstehen regelmäßig Alben, die die manische Spielfreude, die Energie ihrer Liveshows und ihr feines Händchen für außergewöhnliche und packende Songs wunderbar vereinen. Auch „Auf Gedeih & Verderben“ greift das Quintett wieder tief in die Schatzkiste osteuropäischer Folklore und fördern so manche Perle zutage. Schon der Einstieg „It´s up to you“ klingt wie eine Mischung aus Surfmusik, finnischer Polka und Seemanns Shanty. „So viel zu tun“ ist ein klezmophobes Swing Stück und mündet nahtlos in die High Energy Polka „Immer weiter“. „Roots“ ist – gemäß dem Titel – ein todtrauriges Reggae Stück, das mit wehmütigen Bläsern und wimmernden Geigen gewürzt ist. Es folgen orientalische Surfinstrumentals, kabarettartige Zwischenspiele, stampfende Russenpolkas und jazzige Schleicher, also rundum alles, was den Osten musikalisch so faszinierende macht. Und das von fünf Berliner Jungs, die diese Musik als lodernde Flamme in ihren Herzen tragen.

 

(V.Ö.: 9. März 2012/ Label: Munka Munka Records)

 

 

CANKISOU „Fayt“

Man stelle sich vor: Eine Progressive Rock Band trifft auf ein orientalisches Flötenensemble, das einige Tage vorher mit einer Heavy Metal Gruppe fusionierte, die statt Gitarren Bodhrans und Didjeridoos spielen. Dazu spielen wildgewordene Percussionisten und ein kreischender, wehmütig seufzender, toastender und singender Vokalist lässt seinen Gefühlen mal mit lateinamerikanischen Feuer, mal mit der Kraft eines Rocksängers und mal mit der tiefen Traurigkeit eines balkanischen Barden freien Lauf. Unvorstellbar? Dann sei allen Ungläubigen das neue Album der tschechischen Cankisou ans Herz gelegt, denn nichts Geringeres bietet ihr mittlerweile fünftes Werk. „Fayt“ – was übersetzt eben „Fünf“ bedeutet – führt Cankisou zurück zu ihren Rockwurzeln, welche sie mit lautstarken Gitarren, treibenden Trommelwerk und satter Dynamik zelebrieren. Dazu gesellen sich traditionelle Instrumente wie Flöte und Saz, die unmittelbar mit dem brachialen Rockklängen Freundschaft schließen und in einer Art Ethno-Fusion-Jazz-Rock aufgehen, welcher von wilden Rhythmen, einem messerscharfen Bläsersatz und der voluminösen Stimme des Sängers vorangetrieben werden. Man braucht starke Nerven, um diesen Hardrock-Weltmusik-Gemischtwarenladen auf Albumlänge durchzustehen. Doch wer es schafft, wird mit einem energiegeladenen Werk voller Überraschungen und ungeahnt mitreißender Songs von einer Band belohnt, die verdientermaßen schon seit Jahren die World Music Charts von hinten aufrollen und auf allen großen Festivals der Welt ob ihrer sagenhaften Auftritte Stammgast sind.

(Label: Indie Scopes – Galileo MC/ V.Ö.: 13.Januar 2011)

 

 

BANDA „Banda jedna“

Banda sind fünf traditionelle Musiker, die sich zutiefst der Folklore ihrer slowakischen Heimat verpflichtet fühlen und diese meisterlich beherrschen. Mit einem Instrumentarium bestehend aus Hackbrett, Geige, Bouzouki und Percussions entfesselt das Quintett einen Sturm herrlich tanzbarer und von Herzen aufrichtiger Klänge, die einfach nur nach vodkaseligem Feiern und fröhlichen Menschen klingen. Immer wieder lassen Banda ihren traditionell slowakischen Chorgesang erklingen, der nicht selten an die alten, russischen Chöre erinnert und ein Zeugnis von der hohen Musikalität dieser Kapelle abgibt. So gut wie nie wird auf rasende Polkabeats vertraut. Lieber suchen sich Banda die besten Stücke östlicher Folklore zusammen und bauen sie geschickt in ihre atmosphärischen Songs ein. So mischt sich ihr Gypsy Sound auf feinste Weise mit orientalischen Klängen, jazzigen Versatzstücken, karibischen Grooves und todtraurigem Blues. Beim Abschlussstück „Hady“ darf sogar ein Rapper zu polternden Beats seine Künste zeigen. Alles in allem ist „Banda jedna“ ein Werk, das wie ein Querschnitt östlicher Musik wirkt. Und das mit einem Fuß auf heimischen Boden und mit dem anderen überall da, wo die moderne Musik ihre kostbarsten Blüten sprießen lässt.

(Label: Indies Scope - Galileo MC/ V.Ö.: 13. Januar 2012)

 

 

BURITACA „Barawanié“

Ein spannungsgeladenes Zusammentreffen afrikanischer Rhythmen, spanischer Mestizo Vielfalt und lateinamerikanischen Feuers bietet „Barawanié“, das Debüt von Buritaca. Wie ein exzellent zusammengestelltes Mixtape reisen die zehn Songs des Albums mit dem Hörer einmal um die halbe Welt und machen immer dort Halt, wo die heißesten Rhythmen zuhause sind. Mit „Norte sur“ startet das Album mit einem Akkordeon-getriebenen Mestizo Kracher, nur um im anschließenden Titelsong den Geist Fela Kutis in einem Orkan aus Afrofunk auferstehen zu lassen. Auf mitreißende Weise spielen sich Burticada dann beim geschmeidigen und in einem wilden Merengue Part endenden „Sin cura“ durch kolumbianische Cumbia, beim schleichenden „Vacilon“ durch Fania Boogaloo und Son cubano, explodieren bei „Callejero“ in einem wilden Salsa Reigen und beschließen ihr Werk mit einem groovenden Inferno aus afrikanischer Polyrhythmik und feinstem Funk. „Barawanié“ ist ein Musterbeispiel für einen grenzen-niederreißenden World beat, der in seiner Dringlichkeit nicht selten an die großartigen Watcha Clan erinnert und von Burticada packend, hochmusikalisch, mit der nötigen Portion Sonne im Herzen und grandiosen Songs auf Silberling gebannt wurde.

(Label: Kasba/ V.Ö.: 2. Dezember 2012)

 

 

V.A. „Brass noir“

Pink Floyd widmeten einst der dunklen Seite des Mondes ein ganzes Album. Obi Wan Kenobi wurde nicht müde, in den „Star Wars“ Filmen vor der dunklen Seite der Macht zu warnen. Und dank DJ Robert Soko hat nun auch der Balkan seine dunkle Seite. Der Begründer der legendären Berliner Balkanbeats Parties und Selecter der gleichnamiger CD Sampler Reihe hat mit „Brass noir“ jetzt eine weitere, feine Compilation osteuropäischer Klänge zusammengestellt, die sich abseits der allgemeinen Balkan Tanzhysterie mit weitaus abgründigeren Klängen beschäftigt. Auf „Brass noir“ präsentieren bekannte Größen wie der serbische Trompetenmagier Boban Markovic, das traditionelle, rumänische Brassensemble Fanfare Ciocarlia oder New Yorker Klezmermeister Frank London, neben hoffnungsvollen Jungspunden wie dem türkischen DJ und Produzenten Mercan Dede oder dem Exil-Pariser Darko Rundek, ihre dramatischsten und trauervollsten Lieder. Von schmachtenden Mörderballaden über apokalyptischen Tango bis hin zu todessehnsüchtigen Bläserblues nehmen die Songs den Hörer auf eine trans-balkanische Fahrt über die Autoput – dem pendent zur deutschen Autobahn – mit, an dessen kargen Wegesrändern so manches Unglück seine Lauf nahm. Flüchtige Geigen, mäandernde Bläser und müde Stimmen erzählen in getragenen, zu tiefst emotionalen Weisen über gebrochene Herzen, sehnsüchtige Wünsche und unabwendbaren Schicksalen, die kein Herz unberührt lassen. Doch natürlich lässt sich ein echter Balkan Dog nicht so schnell unterkriegen und somit darf in Songs wie der „Rumba tziganeasca“ das Gaspedal auch mal ein wenig getreten werden. Doch der tragische Unterton, der durch das ganze Album weht, ist auch hier mit jeder Note spürbar. Durchweg ein fesselndes Werk.

(Label: Piranha / V.Ö.: 28. Oktober 2011)

 

 

MATUTO „Matuto“

Brasilien steht musikalisch nicht nur für Samba und Carnivale, wie sich manch Europäer denken könnte. Eine weit wahrhaftigere Folklore hat das Land seit langer Zeit fest im Griff: der Forró! Entstanden in der dörflichen Gegend im Landesinneren, war der Forró ursprünglich die Tanzmusik des „einfachen Volks“ – eine vor Jahren erschienen CD Compilation mit dem Titel „Forró – Music for maids and taxi drivers“ drückte dies besonders schön aus. Doch seit langem hält dieser authentische Sound vom Lande auch die Städte in Atem. Junge Bands entdeckten mit dem Forró ihre Wurzeln, mixten ihn mit urbanen Klängen und machten diese Musik zur aktuell wichtigsten und beliebtesten Folklore in Brasilien.

Matuto – mit dem Begriff wird in der nördlichen Region des Landes ein einfacher Bauernbursche beschrieben – ist eine dieser Bands und zollt nicht nur mit ihrem Namen der Musik des einfachen Mannes Tribut. Ihre Basis ist ein authentischer Mix aus Akkordeonklängen, Zabumba Percussions und Triangelrhtyhmen, welcher den Forró seit jeher auszeichnet. Zu diesem rauen Sound gesellt sich eine Vielzahl von Einflüssen, von denen Rock, Jazz und sogar Punk nur einen kleinen Teil des großen Stiluniversums der Band darstellen. Beispielsweise könnte Matuto mit dem „Church street blues“ auch ein Bluespublikum in einem chicken shack begeistern oder mit dem Traditional „Banks of Ohio“ einem Country Musik Scheunentanz aufmischen. Die Bearbeitung des Bluegrass Standard „John the revelator“ zeigt dabei nicht nur die überdeutliche Nähe des Forró zu amerikanischen Stilen wie Zydeco und Cajun Musik. Es zeigt ebenso eindrucksvoll den Stilreichtum der Band, die offene Experimentierfreude und vor allem die Fähigkeit, die traditionellen Klänge aus Forró und Samba batucada ebenso – im wahrsten Sine des Wortes – spielend zu beherrschen, wie Rock, Pop, Blues und Country. Das macht „Matuto“ zu einem aufregenden Album, das zwar stilistisch ein sehr offenes Gemüt erfordert, dafür aber mit spannender und vielseitiger Musik belohnt.

(Label: Galileo Music Com/ V.Ö.: 18. November 2011)

 

 

JEWRHYTHMICS „Serving the chosen“

Man kann sich nicht als verbohrt bezeichnen, wenn man bei jüdischer Musik zuerst an Klezmer und Texte an in jiddischer Sprache denkt. Die aus Moskau stammenden JEWRHYTHMICS haben mit den flirrenden Klarinettesolis und den jazzigen Strukturen der klassischen Klezmer Musik allerdings wenig zu tun, sie schwören musikalisch auf den Diskosound der 70er und auf den Techno der 90er. Und dennoch ist Album „Serving the chosen“ durch und durch von den Traditionen dieser Musik durchdrungen. Natürlich darf sich auf den neun Songs ihres Debüts auch mal die Klarinette in schwindelerregender Manier durch Klassiker wie „Hava nagila“ oder Dick Dales´s Pulp fiction Hymne „Miserlou“ spielen, im Vordergrund stehen aber vor allem die Texte in jiddischer Sprache. In Songs wie dem wunderschön-ambienten „Kinder joren“ oder dem Tanzkracher „Chiribim“ wird der schon totgesagten Sprache mit Hilfe treibenden Beats und voluminöser Synthieflächen von einer mal leidenden und mal jubilierenden Frauenstimme neues Leben eingehaucht. Mit traditioneller Musik hat das auf den ersten Blick zwar wenig zu tun, aber legt der Hörer erst mal alle Berührungsängste mit der nur vordergründig kitschigen Musik ab und verliert sich in den unwiderstehlichen Grooves und dem hypnotischen Gesangseinlagen, so wird er seine helle Freude mit „Serving the chosen“ haben. Und vor allem merken, dass dies nicht nur eine mögliche Zukunft für die bereits sehr mit Staub bedeckte, jüdische Musiktradition sein könnte, sondern auch eine fast vergessene Sprache, die so eindrucksvoll die wechselhafte Geschichte eines ganzen Volk zu erzählen vermag, musikalisch ansprechend verpackt in die Moderne retten kann.

(Label: Essay Recordings/ V.Ö.: 2. September 2011)

 

 

ÄL JAWALA „The ride“

Balkanbeats war gestern, heute ist Balkan big beat angesagt. So bezeichnet das Freiburger Quintett Äl Jawala bereits seit fünf Alben ihre Musik und mit „The ride“ erscheint nun der sechste Streich. Dieser ist einmal mehr vollgepackt mit allerlei musikalischen Versatzstücken, die weit über die üblichen Balkan Klischees hinausgehen. Denn neben einem soliden Bläserwerk, das zwischen Balkan Brass, Klezmer und Jazz hin- und herpendelt, bildet ein Gerüst aus afrikanischer Percussion, pulsierendem Bässen und elektronischer Einsprengsel die multikulturelle Soundbasis von „The ride“. In den 13 durchgehend guten Stücken geben sich kunstvolle Cumbia Rhythmik, satter Dub, treibender Ska, entspannte Reggae Klänge und feuriger Balkan Funk die Hand und vermischen sich mit den kraftvoll solierenden Bläsern zu einem instrumentalen Feuerwerk, das fast komplett ohne Gesang auskommt. Angenehm ist dabei die hohe Musikalität der Band, die sie so vom Gros der Balkanbeats Tanzhysterie abhebt und „The ride“ für den Gebrauch in den eigenen vier Wänden genauso empfiehlt. Wäre da nicht das Problem, dass der Hörer beim Genuss dieser brodelnden Musikmischung permanent aufspringen und wild durch den Raum tanzen möchte. Denn am Ende ist „The ride“ ein Album voll grandioser Tanzmusik auf musikalisch höchstem Niveau.

(Label: Jawa Records/ V.Ö.: 11. November 2011)

 

 

KATZENJAMMER „A kiss before you go“

Nach ihrem Debüt Album “Le pop” aus dem Jahr 2009 sind die Erwartungen an den Nachfolger gewaltig. Denn ihr quietschbunter Mix aus Indie, Folk, Pop und Countrymusik war nicht nur eine der absoluten Überraschungen der Saison, sondern machte mit eingängigen Songs, seiner energiegeladenen Überdrehtheit und der instrumentalen Vielfalt in Windeseile süchtig. Nun steht mit „A kiss before I go“ endlich der Zweitling ins Haus und schon nach Abklingen des Intros und mit den ersten Tönen der Single „I will dance“ wird klar, dass KATZENJAMMER jetzt bei den großen Playern angekommen sind. Die Produktion ist astrein, die Songs durchdrungen von einschmeichelndem Popappeal und die Arrangements sind so derart eingängig, dass sich jeder Song sofort an den Wohlfühlstellen im Ohr und im Hirn platziert. Die zuweilen düsteren Tiefen ihres Debüts umschifft das Quartett gekonnt und ersetzt diese durch polternde Affenpolkas, skandinavische Tangoklänge und ganz viel Popmusik. Songs wie „Cocktails and ruby slipper“ und „Shepard´s song“ sind dabei die besten Beispiele, dass die alten KATZENJAMMER noch irgendwo in „A kiss before I go“ zu finden sind, sich immer noch an über 30 Instrumenten und mit der Vehemenz einer überbordenden Foklorekapelle um den Verstand spielen. Doch all das geschieht hinter einer Glasscheibe aus einer glatten, fast schon beliebig klingenden Produktion und Songs, deren Seele unter einer tiefen Schicht Populärmusik begraben ist. Natürlich kann man zu Recht fragen, wie relevant das wäre, wenn die Songs unsterblich sind. Und mit dem den Kreml Blues beschwörenden „Soviet Trumpeter“ oder dem rau polternden „Gypsy flee“ gibt es solche Songs, die ohne auch nur einen Gedanken an die Welt zu verschwenden in packendster Manier loslegen. Doch wenn der Hörer beim Genuss von „Rock paper scissors“ unmittelbar an die unsäglichen Dixie chicks denken muss oder mit einer uninspirierten Version des Genesis Gruselhits „Land of confusion“ an die Grenzen des guten Geschmacks geführt wird, wünscht man sich nichts lieber, als die selenvolle Kompromisslosigkeit zurück, mit der KATZENJAMMER ihr Debüt unsterblich machten. Am Ende ist „A kiss before I go“ immer noch ein gutes, gelungenes Album. Nur manchmal eben ein wenig zu gut und ein wenig zu gelungen.

(Label: Vertigo Berlin/ V.Ö.: 9. September 2011)

 

 

AHILEA feat. BELLA WAGNER „Devil´s eyes”

Stumpf ist dumpf! Diese Worte könnten zweifelsohne aus dem Mund des in Österreich lebenden, mazedonischen DJs und Produzenten AHILEA kommen. Auf seinem Album „Cafe Svetlana“ aus dem Jahr 2009 verzichtete er weitesgehend auf tiefst-bassiges Gepumpe und die formatierte Rhythmik, die so viele der modernen Balkanproduktionen definieren. Stattdessen entfesselt er ein wahres Groove Inferno, das sich vom Jazz bis zur Rockmusik an allem bedient, was die Songs außergewöhnlich, smooth und doch äußerst tanzbar dastehen lässt. Zahlreiche Veröffentlichungen seiner Songs auf dutzenden, namhafter Compilations sprechen dabei eine deutliche Sprache.

Mit „Devil´s eyes“ veröffentlicht AHILEA nun eine neue Single, die sein Gespür für feinste Rhythmik und seine Meisterschaft im Schreiben ausdrucksstarker, atmosphärisch dichter und brillant arrangierter Songs auf die Spitze treibt. „Devil´s eyes“ vereint entspannte Reggae Rhythmen, dezente Dub Basslinien und minimalistische Melodielinien, auf denen nur ab und zu kurz ein Akkordeon schweben darf. Im Zentrum des Songs steht aber ohne Zweifel der Gesang der Wiener Vokalistin Bella Wagner, die schon „Cafe Svetlana“ mit ihrer kraftvollen Stimme veredelte. So trägt sie Worte mal im zart gehauchten Jazz Stil, im brodelnden Soulgewand oder mit präzisem Rockgesang durch einen Song, in dem man sich im Club wie auch zuhause ohne Probleme verlieren kann.

(Label: Essay Records/ V.Ö.: 16. September 2011)

 

 

 

ZULU 9.30 „Tiempo al tiempo“

Zeit ist Geld! Eile mit Weile! Die Zeit heilt alle Wunden! Über das Thema Chronologie gibt es unendlich viele Sprichworte, Abhandlungen, wissenschaftliche Studien und hochphilosophische Werke. Die spanische Band ZULU 9.30 fügt mir ihrem aktuellen Album „Tiempo al tiempo“ der endlosen Liste an Gedanken über die Zeit nun ein musikalisches Werk hinzu. Die fünf Musiker, die vor knapp 6 Jahren die Band in den Straßen von Barcelona gründeten, legen mit „Tiempo al tiempo“ ihr bereits drittes Album vor und widmen sich rein textlich all jenen Momenten im Leben, in denen das – manchmal gnadenlose und manchmal wohltuende – Ticken der Uhr der Hauptakteur ist. Musikalisch beschränkt sich ZULU 9.30 auf einen fast schon zu klassischen Mestizo Mix aus Reggae, Rock, Cumbia und Rumba, der zwar mit eingängigen Grooves nicht geizt, aber auf die volle Distanz des Albums nicht ganz überzeugen kann. Erst die Verbindung mit den kleinen, schlauen Geschichten, die der Band zum Thema Zeit einfallen, macht „Tiempo al tiempo“ zu einem anrührenden Album, zu dem man auch noch prima tanzen kann.

(Label: Kasba Music/ V.Ö.: 16. September 2011)

 

 

LA CHIVA GANTIVA „Pelao“

Home is where your heart is! Natürlich kann man um die halbe Welt reisen, in den unterschiedlichsten Kulturkreisen leben, freudig mit fremden Lebensweisen verschmelzen und sich in den größten Metropolen dieser Erde niederlassen – doch ein Stück der eigenen Heimat wird immer im Herzen verweilen. Dieses kleine Stück Heimatverbundenheit bescherte uns 2005 LA CHIVA GANTIVA, die mit „Pelao“ nun ihr Debütalbum veröffentlichen. Die Geschichte von LA CHIVA GANTIVA ist so einfach, wie ergreifend: Drei junge, kolumbianische Trommelwerker stranden dauerhaft in der belgischen Hauptstadt Brüssel, verlieren sich im urbanen Treiben der Metropole und ziehen sich den Stachel der Sehnsucht nach der Heimat mit der Gründung von LA CHIVA GANTIVA aus dem Fleische. Zählte für die siebenköpfige Band mit Musikern aus Lateinamerika, Flamen, Frankreich und Vietnam am Anfang die reine, musikalische Verbundenheit mit ihrem Geburtsland, so verschmolz ihr Sound über die Zeit doch zunehmend mit großstädtischen Klängen. Feurige, afro-kolumbianische Rhythmen, vertrackter Afrobeat und lateinamerikanische Musik, wie man sie von Bands wie Irakere, Fela Kuti und den Fania All Stars kennt, bilden dabei nur das Gerüst der elf Songs auf „Pelao“. Darüber dürfen sich rockige Gitarren und funkige Bässe in schönster Red Hot Chilli Peppers Manier austoben. Die Kombination ist perfekt, denn nur so kann es klingen, wenn die Flammen südamerikanischer Folklore auf den manischen, musikalischen Puls der Großstadt treffen.

(Label: Crammed Disc/ V.Ö.: 21.Oktober 2011)

 

 

NIDI D`ARAC „Taranta container“

Der neuseeländische Journalist und Osteuropa Experte Garth Carthwright schrieb in seinem Buch „Balkanblues und Blaskapellen“ einmal einen wohlgemeinten Rat eines Freundes nieder. Ihm zufolge gibt es zwei Dinge, die man nie im Leben probieren sollte: Inzest und Volkstanz! Ob letzteres auch für die Tarantella gilt, ist fraglich. Dieser alte Volkstanz aus Italien war eine, seit seiner Hochzeit im 19. Jahrhundert nicht selten ärztlich verordnete Methode, sich nach einem Biss der Tarantel das Gift aus dem Körper zu tanzen. Dabei bewegte sich der Gebissene zu einer rasend schnell aufspielenden Kapelle bis zur totalen Erschöpfung, es ähnelte also sehr dem durchschnittlichen Besuch einer Disko Esperanto Veranstaltung. Womit wir in der Gegenwart und bei NIDI D`ARAC wären.

Dieses italienische Septett fühlt sich voll und ganz den musikalischen Traditionen der Tarantella verpflichtet, mit Geige, Gitarre und Handtrommel pflegen sie den sich langsam aufbauenden und ruckartig entladenden Klängen dieser Musik. Umwoben werden die acht Songs des Albums dazu von einem bleischweren Korsett aus Dub, Electro und Rock, dass die ohnehin schon bis zum Zerreißen geladenen Songs ungeahnt druckvoll daherkommen lassen. Von der ersten Sekunde an steht der Hörer unter einer eigenartigen und wohligen Spannung als hätte er gerade Bekanntschaft mit dem Kuss einer Tarantel gemacht. Und schon am Ende des ersten, in drückenden Elektroklängen getauchten und mit hirnzerfetzenden Geigenklängen geladenen Stück ist er vollends gebannt von den süchtig machenden Klängen dieser perfekt in die Jetztzeit transportierten Weisen. Erst beim Abklingen der letzten Töne lässt die Spannung nach und just da packen die Italiener noch sechs clubtaugliche Remixe von Produzentenassen wie DJ Click drauf. Wer da nicht freiwillig den Spinnenbiss sucht, ist selbst schuld.

(Label: Galileo Communications/ V.Ö. 22. Juli 2011)

 

 

BALKAN BRASS BATTLE“– Boban i Marko Markovic Orchestra vs. Fanfare Ciocarlia

Nachdem sich jüngst schon das mazedonische Kocani Orkestar und die Taraf de Haidouks aus Rumänien mit einem geradezu atemberaubendem Ergebnis zu einer wunderbaren Kooperation auf Albumlänge zusammengeschlossen haben, steigen jetzt erneut zwei Giganten des Balkan Brass in den musikalischen Ring. Auf der einen Seite macht sich der serbische Trompetenmagier Boban Markovic mit seinem famosen Orchestra – inklusive seines Sohnes Marko – mit Pauken und Trompeten für die instrumentale Schlacht warm. Auf der anderen Seite wetzen die rumänischen Fanfare Ciocarlia, die wie keine andere Band für die Verkörperung der klassischen Gypsy Wedding Band steht, schon kräftig das Blech. Und mit einer markerschütternden Kampfansage geht sie dann los, die „Balkan Brass battle“. Viermal bläst die Fanfare Ciocarlia ihren hyperaktiven und tosenden Bläserorkan durch die Ohren des Hörers und viermal lässt das Markovic Orchestra seinen treibenden und ansteckend feierseligen Balkanfunk auf den selbigen los. Während Erstere auf die beseelte Kraft der ureigenen Folklore der Balkanmusik und die pure Wucht ihrer Hörner setzten, ergeht sich Meister Markovic in einer virtuosen Mischung aus Brasswahnsinn, Jazzstrukturen und in-die-Beine-fahrenden Funkrhythmen. Wer am Ende die Oberhand gewinnt, ist dabei nicht zu ermitteln. Beide Bands fiedeln und blasen sich in grandiosester Manier um den Verstand und hauen ohne Unterlass Hymne um Hymne heraus. Gewinner sind Stücke wie der legendäre „Asfalt tango“ oder die gemeuchelte Version des James Bond Themas, wo beide Kapellen gemeinsam gen musikalischen Himmel auffahren. Und was als instrumentale Schlacht begann, endet am Schluss in einer von sagenhafter Spielfreude, famosester Spielkunst und reiner Lebenslust getriebenen Party, die niemanden kalt lassen kann.

 

(Label: Asfalt Tango/ V.Ö.: 20. Mai 2011)

 

 

LA PEGATINA „Kapomelön“

Puh, da hat es aber jemand eilig. Denn schon die ersten Songs von „Kapomelön“, dem dritten Album der spanischen La Pegatina, werden dem Hörer gleich in wahnwitziger Geschwindigkeit und Kürze um die Ohren gehauen, dass es nur so kracht. Auch stilistisch sollte man da schon sein Hirn auf Barrierefreiheit gestellt haben, denn von TexMex über Rumba, Ska bis hin zu feurigen Flamencoklängen bekommt man zu Beginn schon das halbe Spektrum der Band in energiegeladenen und tanzwütigen Songs serviert. Die andere Hälfte besteht wahlweise aus akustischen Wohlfühlpop („El caliz de fuego“), Cumbia („Mal de planxa“), Latinorhythmen („Solo por una vez“) oder leicht überkandidelten Diskostampfern („Foxy & Billy“), was nicht minder rasant dargeboten wird und nur in kurzen, aber intensiv-schönen Momenten zur Ruhe kommt. La Pegatina entstammen der zweiten Generation spanischer Band, die den Mestizo Sound – diesem Bastard aus traditionellem Flamenco, Rumba, Cumbia, Rock, Ska, Punk und Reggae - eines Manu Chao oder Che Sudaka kultivieren und frisch in die ganze Welt verschippern. So wundert es auch nicht, dass die Band aus Montcada i Reixac (Barcelona) in vielen Momenten fast schon unverschämt die großartigen Dusminguet kopieren und auch bei den Songs von Senior Chao mächtig wildern. Doch die pure Freude an der Musik, die da aus Akkordeon, Akustikgitarre und Schlagwerk klingt, und die hemmungslose Bewegungswut der durchweg guten Songs lässt diesen kleinen und einzigen Mangel schnell vergessen.

(Label: Kasba/ V.Ö: 18. April 2011)

 

 

ROTFRONT „VisaFree“

Visafreie Musik, anyone? Mit dem ebenso betitelten, zweiten Werk des Berliner Musikerkollektivs Rotfront gibt es diese ab jetzt in jedem gutsortierten Geschäft zu kaufen. Dass die Band um Russendisko Begründer Yuri Gurzhy und Saitenspezialist Simon Wahorn äußerst gute und in jeder Sekunde auf Bewegung getrimmte Musik hinbekommt, zeigten sie bereits mit ihrem Debüt „Emigrantski raggamuffin“. Dieser vodkaselige Hybrid aus Ska, Reggae, Klezmer, turboschneller Polka, Rock- und Popelementen katapultierte die Band aus ihrer, zu der Zeit regelmäßig überfüllten Stammkneipe und Russendiskoheimat ,dem Café Burger in Berlin, in die großen Hallen und auf die Festivalbühnen dieser Welt. Und überall wusste Rotfront mit ihren aus allen Stilen der Weltmusik zusammengezimmerten, packend inszenierten und rasend vorgetragenen Songs das Publikum zu überzeugen und schnurstracks in einen Haufen betrunken-feiernder Russen zu verwandeln. Mit „VisaFree“ gibt es jetzt nicht nur den musikalischen Nachschlag dieses hochexplosiven Gebräus, sondern das Rezept dafür noch gratis dazu. Denn obwohl sich Rotfront in ihren Texten jegliche, politischen Inhalte verkneifen, wird auf ihrem Zweitling nicht nur die befreiende Grenzenlosigkeit der Musik in einem wahnwitzigen Stilmix aus Allem zelebriert, sondern geradezu von der Welt gefordert. Und nur ein Narr würde den Bezug zu dem weit über die Musik reichenden Ideal nicht erkennen. Nämlich einer Welt ohne Barrieren und Grenzen. Eine Welt, die allem Fremden gegenüber grundsätzlich offen ist und in der Vorurteile schneller besiegt werden, als Muhammed Ali seine Widersache seinerzeit ins Reich der Träume schickte. Eine Welt, in der Nationalität keine Rolle mehr spielt, sondern nur ein grundlegendes Zusammengehörigkeitsgefühl zu gleichgesinnten Menschen. Für diese Welt ist „VisaFree“ der Soundtrack und Rotfront lassen diesen mit so illustren Gästen wie dem Klezmer Meister Daniel Kahn, den Romano HipHoppern Gipsy.cz, der hochdekorierten Amsterdam Klezmer Band und seinem alten Trinkkumpanen Wladimir Kaminer in den schönsten Tönen erklingen.

(Label: Essay/ V.Ö.: 20. Mai 2011)

 

 

LA KINKY BEAT „Massive underground“

Egal wie weit man reist und wie tief man in die Musikszenen der verschiedenen Städte und Länder eintaucht, so bleibt Barcelona doch immer noch DAS Epizentrum für multikulturelle Musik. Die Stadt bescherte uns so aufregende Künstler wie Manu Chao, Amparanoia, Dusminguet, Che Sudaka und seit dem Jahre 2003 auch das Trio La Kinky Beat. Diese haben mit „Massive underground“ nun ihr viertes, reguläres Werk veröffentlicht und ziehen, nach ihrem eher schwachen, in Richtung Pop und Disco schielenden, letzten Album „One more time“, darauf wieder alle Register ihres Könnens. Und das reicht vom tieftönenden Dub des Titelstücks über den locker groovenden Reggae von „Love online“, dem ambienten Ska von „Good system“ bis hin zum manischen Drum´n´Bass von „Interjungle 2.0“. Von Song zu Song steigert sich das Album in einen wahren Rausch aus treibenden Grooves, den subfrequenten Bässen und Echoeffekten von Produzent GZK und den mal betörend und mal überbordend klingenden Stimmen von Sängerin Mata und Sänger Willy Fuego. Stellt sich „Massive underground“ bei den ersten Tracks noch als hypnotisierendes Dub-/Reggaealbum vor, so führt es den Hörer über tanzbarsten Mestizo und fröhlichen Ska gegen Ende mit Songs wie „Vampires“ in ein entfesselt-peitschendes Junglegewitter, das erst mit dem wunderbaren, vor Energie noch brodelnden Downbeat von „Your way“ seinen Abschluss findet.

(Label: Kasba/ V.Ö.: 18. April 2011)

 

 

WATCHA CLAN „Radio Babel“

Wer denkt, dass das Radio heutzutage nicht mehr viel zu bieten hat, der hört den falschen Sender und sollte es unbedingt mal mit „Radio Babel“ versuchen. So heißt das neue Album des französischen Musikerkollektivs Watcha Clan, das in nahezu einem Dutzend Sprachen und einer unsagbaren Fülle verschiedenster Klänge zu den Menschen spricht und sie zum Tanze auffordert. Wer sich die Play List von Radio Babel einmal zu Gemüte führt, dürfte sich ohne Probleme von „Radio Babel“ durch den Tag bringen lassen. Los geht es früh morgens mit einer funkelnden Mischung aus Hip Hop Beats und Tuareg Blues („With or without the wall“) und orientalisch angehauchtem Trip Hop („We are one“). Mit dem repetiv-pumpenden Afrobeat-Rai-Rock Meisterstreich „Hasnaduro“ kommt vormittags dann zum ersten Mal richtig Stimmung und Tanzlaune auf und mit der Interpretation des alten, hebräischen Gedichts „Im nin`alu“, dass Ofra Haza vor Jahren zu einem Welthit machte, und der in perfektem Jiddisch vorgetragenen Klezmerweise „Il etait une fois dans l´est“ wird der Seele des Hörers aufs Äußerste geschmeichelt. Mittags wird mit „Fever is rising“, einem rockenden Raistück auf Drum´n´Bass Basis, dem swingenden Elektro-Hip Hop von „La Camel“ und dem Mestizokracher „Tangos del chachito“ wieder ordentlich Gas gegeben. Den Nachmittag läutet das energetische Chanson „Viens, viens“, bevor es mit den Hochgeschwindigkeits-Balkanbeats in den Abend und in die Clubs geht. Zum nächtlichen Abschluss spendiert die Band aus Marseille nochmal das volle Introstück „With or without a wall“ als sich überschlagende und hemmungslos tanzlustige Jungleversion. Wer sich also davon nicht von einem täglichen 24 Stunden Dauersendebetrieb von „Radio Babel“ überzeugen lässt, dem ist einfach nicht mehr zu helfen.

(V.Ö.: 18. März 2011/ Label: Piranha)

 

 

TARAF DE HAIDOUKS & KOCANI ORKESTAR „Band of Gypsies 2“

20 Jahre ist es her, dass sich Taraf de Haidouks (übersetzt: Band der ehrenwerten Banditen) in einem kleinen Dorf in Rumänien gegründet haben. Seitdem nahm das dreizehnköpfige Orchester sieben Alben auf, tourte um die ganze Welt, musste von drei Mitgliedern schmerzlich Abschied nehmen und ließ deren Söhne an ihre Stelle treten. All diese Erfahrungen spiegeln sich in ihrem achten Album „Band of gypsies 2“ wieder, das bunter und kraftvoller als jeder seiner Vorgänger klingt. Dass mittlerweile drei Generationen Musiker zum Stamm des Ensembles zählen und damit neben den traditionellen Einflüssen auch eine gehörige Portion Moderne in den flirrenden Sound aus Gypsy Jazz, türkischer Folklore und mittelalterlichen Weisen einfließen, mag ein Grund dafür sein. Der Gewichtigere jedoch ist, dass sich die Taraf de Haidouks für dieses Album das ebenso legendäre wie begnadet aufspielende Kocani Orkestar aus Mazedonien als Gast mit ins Boot geholt haben. Schon auf dem 2001er Album „Band of gypsies“ veredelte das ebenfalls 13köpfige Kocani Orkestar drei Songs und nun geht es über die volle Distanz. Mit einem mehr als überragenden Ergebnis. Erhaben verbinden sich die wirbelnden und manisch gespielten Violinen und Akkordeons der Tarafs mit dem voluminösen Balkanbläsern und den stampfenden Percussions der Kocanis. Moderner Balkanpop, Bollywood Sounds und orientalische Brassklänge reichen uralten Melodien aus Rumänien, Serbien und Mazedonien die Hand und manifestieren sich in Songs, die zwischen purer Lebenslust und tieftrauriger Melancholie im meisterlichen Getöse der 26 Musiker geradezu explodieren. Auf „Band of gypsies 2“ hört man nicht nur zwei der großartigsten Orchester aus Osteuropa virtuos zusammen musizieren. Man hält mit dem Album auch ein großes Stück der harten, doch bei allem Leid immer lebensfrohen Geschichte des Zigeunervolks in der Hand. Und das in seiner musikalisch schönsten Form.

 

(Label: Crammed Discs/ V.Ö.: 15. April 2011)

 

 

LA CHERGA „Revolve“

Mit dem Titel „Revolve“ ist das neue Werk des osteuropäisch-jamaikanischen Musikerkollektiv La Cherga schon perfekt beschrieben. Zum einen zeigt es – im Gegensatz zum Vorgänger „Fake no more“ - eine spürbare Evolution hin zu poppigeren Klängen und zugänglicheren Strukturen, ohne dabei an Druck und Dringlichkeit zu verlieren. Zum anderen revoltieren La Cherga mit „Revolve“ klar gegen musikalische Stereotypen, die man gerade im Bereich der Balkanmusik dieser Tage immer häufiger antrifft. Natürlich ist die Basis immer noch feuriger Balkanbrass, Elemente aus dem Rai und Oriental Dub, doch würzen La Cherga diesen so schon aufregende Musik mit einer gehörigen Portion Drum´n´Bass, jamaikanischem Reggae Rhythmen, osteuropäischem Jazz und einer Menge feinster Melodien. An letzterem ist sicherlich La Cherga´s neue Sängerin und Frontfrau Adisa Zvekic nicht ganz unschuldig, die mit ihrer ausdrucksstarken und soulgefärbten Stimme das Album wie ein Wirbelsturm durchzieht und so unterschiedlich Songs wie das blechbläsergetriebene Jungle-Gewitter „Resolve & Evolve“ genauso souverän intoniert, wie den Ska-Tanzflächenbrenner „Last temptation“ und die malerisch schöne, trippige Soul-Jazz-Nummer „Voda“. „Revolve“ ist ein Album mit viel stilistischer Abwechslung, das trotzdem wie aus einem Guss klingt und mit durchweg packenden und überraschungsreichen Songs aufwartet.

(Label: Asphalt Tango Records/ V.Ö.: 15. April 2011)

 

 

AMSTERDAM KLEZMER BAND „Katla“

Katla heißt der größte Vulkan in Island und genauso klingt das ebenso betitelte, neunte Album der famosen AMSTERDAM KLEZMER BAND. Es ist ein feuerspuckender Koloss aus 14 durch die Bank weg großartigen Songs, denen in keinem Moment die packende Intensität dieser seit 1996 aufspielenden Band abgeht. Wie nur wenige versteht es die AMSTERDAM KLEZMER BAND trotz ihrer instrumentalen Virtuosität, dem Klezmer - einer Musik, die nie für die kalten Konservatorien dieser Welt gemacht war - einen authentisch-rauen Klang zu verpassen und ihn mit schallender Experimentierfreude mit Balkanbrass, Rock- und Popelementen zu einem ureigenen Sound für wilde Tanzfeste und ausschweifende Dorfhochzeiten zu machen. Auf „Katla“ hört man einmal mehr, wie es klingen muss, wenn sich meisterschaftliches Instrumentalhandwerk mit eingängiger, direkter Kompositionskunst, einem übersprudelnden Temperament und dem urwüchsigen Geist der Straße verbindet. Nämlich nach einer völlig vom Staub der Vergangenheit befreiter, musikalisch nach allen Seiten blickender und hemmungslos lauter Tanzmusik.

(Label: Essay/ V.Ö.: 25. Februar 2011)

 

 

DAZKARIEH „Ruido do silencio“

Dazkarieh aus Portugal sind musikalische Globetrotter und im wahrsten Sinne des Wortes Weltmusiker. Seit ihrer Gründung 1999 verarbeiten sie unterschiedlichste, folkloristische Stilelemente zu einem globalen Sound, der angereichert mit Versatzstücken aus Rock und Pop mal tief melancholische und mal vor Lebensfreude sprudelnde Songs abwirft. Ohne die Kultur ihres Heimatlandes aus den Augen zu verlieren bedienen sich Dazkarieh am Instrumentarium der kompletten Welt und zeigen auf ihrem nun mehr vierten Album „Ruido do silencio“ (portugiesisch für „Klang der Stille“) ihr ganzes Können darauf. Über einem hypnotischen Sound aus Bouzouki, wirbelndem Schlagwerk, Gitarre und portugiesischen Bagpipes erhebt sich die wunderbar klare und ausdrucksstarke Stimme von Sängerin Joana Negrao zu einem meditativen Klanggebilde, dass immer wieder mit punktgenau eingesetzten, verzerrten Gitarren und treibenden Rockrhythmen an Fahrt aufnimmt. Doch so schnell Dazkarieh den Hörer mit diesen wohlbedachten Ausbrüchen wachrütteln, so schnell verliert er sich wieder in flirrenden, orientalisch angehauchten Soundlandschaften und im einnehmenden, die Sinne verwirrenden Gesang von Negrao. Und am Ende des Album hat er nur noch das Gefühl, 10000 Meilen um den Globus gereist zu sein, ohne dabei auch nur einen Schritt vor die Haustür gemacht zu haben.

(Label: Galileo Music/ V.Ö.: 18. März 2011)

 

 

VA FAN FAHRE „Al wa´debt“

Was Oestblocket für Schweden ist, sind Va Fan Fahre für Belgien. Nämlich die einzig wahre Balkan-Gypsy-Band des Landes. Gegründet wurden Va Fan Fahre 2003 und schon auf ihrem Debüt „Romanski robbery“ spielten sie eine schwindelerregende Mischung aus Klezmer und rumänischem Balkanbrass, mit der sie es unter anderem mit einem Song auf die kultig verehrten „Balkanbeats“ Sampler schafften. Mit „Al wa´debt“ steht nun das dritte Album der Belgier in den Regalen und geht konsequent den Weg der Erneuerung, den schon das Zweitwerk „Zet je maar“ 2007 angedeutet hat. Der unwiderstehliche Brass-Sound ist geblieben, ebenso der verblüffend authentische Vortrag der zwölf großartig-aufspielenden Musiker. Doch im Vordergrund steht diesmal ein fließender, die Sinne betörender Klangteppich aus Rai und orientalischer Musik und das vor allem in Person von Sängerin Aicha Haskal. Die Marokkanerin betört mit einer unsagbaren Leidenschaft den Hörer in nahezu der Hälfte der Songs. Die andere Hälfte gehört dem hypnotischen Klezmer-Orientalbrass der Va Fan Fahre, die mit Klarinetten, Trompeten, Darbouka und mit allerlei arabischen Schlaginstrumenten Bilder aus 1001 Nacht vor dem geistigen Auge entstehen lassen. Und auch wenn „Al wa´debt“ der durchschlagende Bläsereinsatz der früheren Alben mittlerweile ein wenig ab geht, so besticht es doch durch eine virtuose Instrumentierung und einer Musik, die den Hörer wie ein Sog von der ersten bis zur letzten Minute in ihren Bann zieht.

(Label: Zephyrus/ V.Ö.: 10. Dezember 2010)
 

 

COLOR HUMANO „Madiba“

Es wäre zu schade gewesen, wenn sich Color Humano nach ihrem vorläufigen Split 2005 wirklich von der Bildfläche verabschiedet hätten. Drei fantastische Alben hatte die 1995 gegründete Kapelle bis dato veröffentlicht und mit ihrem Mix aus federleichter, aber immer flammender Musik und zutiefst humanistischen Texten so manches Herz gewinnen können. Doch zum Glück packte Color Humano 2008 wieder neuer Tatendrang und das Resultat hört auf den Namen „Madiba“, dem jetzt veröffentlichten, vierten Werk der seit 15 Jahren in Barcelona ansässigen Franzosen.
„Madiba“ bedeutet „Wasser“, was auf die lebens- spendende Kraft dieses Element verweist, aber das Album im ursprünglichen Sinne auch sehr gut beschreibt. Denn die zwölf Songs wirken mit ihrer warmen und einschmeichelnden Mischung aus afrikanischer Percussionkunst, Reggae-Elementen, spanischen Mestizo und funkigen bis rockigen Latinoklängen wie ein langer, ruhiger Flussssss, der bei Songs wie der stampfenden Rumba „Esperanza“ oder der zurückgelehnten Skanummer „Todos hijos“ gelegentlich auch gerne mal Wellen schlägt. Doch auch Rocknummern wie das balladesque „Droit des hommes“ und klassischerrrr Rootsreggae wie „Mama justicia“ sind kein Problem für Color humano. Die Texte, die über alle Maßen an den Ungerechtigkeiten dieser Welt Anteil nehmen und doch vor Hoffnung nur so strahlen, tun ein übriges zu einem Album, dass man jedem ans Herz legen mag, der seine Seele nicht schon komplett dem Teufel verschrieben hat.

(Label: Kasba music/ V.Ö.: 13. September 2010)
 

 

V.A. „Revolution Disco“

Viva la revolucion! Mit „Revolution Disco“ stellt Yuri Gurzhy  – musikalischer Direktor der großartigen Russendisko und Kopf von Rotfront – einen bunten Strauß an Protestsongs aus aller Welt zusammen, der mit Hits und großen Namen nicht geizt: vom linksradikalen, französischen Zebda-Ableger Les Motives über die deutschen Volksmusikneurer Attwenger bis hin zum polnischen Dancehallfeuer Vavamuffin ist alles
vertreten, was klare und kritische Worte in unwiderstehliche Rhythmen packen kann. So klang das mangelnde Vertrauen in die aktuelle Weltpolitik musikalisch nie ansteckender als bei „Mentira politika“
der Spanier Che Sudaka und der Aufruf zum Widerstand nie tanzbarer als beim Reggaesmasher „Dances of resistance“ der französischen Babylon Circus. Ottavo Padiglione covern mit „Guns of Brixton“
auf vorbildliche Weise die Protestbrüder The Clash, die holländischen Mala Vita lehren uns den „Ritmo de protesta“ und die unverzichtbare Partisanenhymne „Bella Ciao“ wird standesgemäß vom legendären, italienischen Combatfolk Kollektiv Modena City Ramblers dargeboten. In Anbetracht dieser fünfzehn famos
zusammengestellten Stücke ist zumindest musikalisch jeder Widerstand zwecklos. Tanzt die Revolution! 

 

BELLERUCHE "270 stories"

Ganz langsam, fast Song für Song, kommt der in Frankreich schon seit zwei Jahren für Furore sorgende Electroswing auch hier in Deutschland an. Nachdem die großartigen Caravan Palace, der Club de Belugas und die deutschen Tape Five den Weg geebnet haben, ist es jetzt Zeit für Belleruche, dem deutschen Partyvolk den Hüftschwung neu beizubringen. Das Londoner Trio hat bereits mit seinem Debüt „Turntable soul music“ 2007 für ordentliche Furore gesorgt und mit der Neuinterpretation des Django Reinhardt Klassikers „Minor swing“ einen waschechten Clubhit gelandet. Und ihr jüngst erschienener Zweitling „270 stories“ legt jetzt mächtig nach. Tighteste Hip Hop Beats treffen auf smoothen Jazz, werden garniert mit seelenvoller Elektronik, einem virtuosen Gitarrenspiel und schließlich gekrönt mit einer Sängerin, die von säuselnder Verführerin bis beschwörender Voodoopriesterin alle stimmlichen Facetten bereithält. Schon der Opener „Fuzz face“ groovt so unglaublich packend, dass man die Tanzschuhe nie mehr ausziehen möchte. Dagegen stehen minimale Schleicher wie „Shudder and think“, orgelgetriebenen Hypnoseswinger wie „Cat in a dog suit“ und mit „Ginger wine“ sogar ein amtliches Jazzstück. Belleruche liefern mit „270 stories“ ein rundum schönes Wohlfühlalbum, auf dass sich auch prächtig das Tanzbein schwingen lässt und dass die jazzige Variante des Electroswing aufs Beste kultiviert.

(Label: Tru thoughts/ V.Ö.: 15. Oktober 2010)

   

 

LES BABACOOLS "Son maldito"

Seit sage und schreibe 19 Jahren sind Les Babacools schon in Sache Latin music unterwegs und werden nicht müde, den geneigten Hörern in regelmäßigen Abständen grandiose Alben um die Ohren zu hauen. Dabei bedienen sich die Münchner von wildem Ska über urwüchsigem Son bis hin zu eingängigem Pop bei allem, was die Sonne scheinen lässt und auf den Tanzböden der Welt für Bewegung sorgt. Mit ihrem neusten Werk „Son maldito“ veröffentlichen sie nun ihr facettenreichstes Werk, dass vom treibenden Tanzstampfer bis zur herzerweichenden Ballade den kompletten, musikalischen Fokus der Band in 14, süchtig machenden Songs vereint. Denn egal, ob die Jungs mit „Carne“ eine feurige Salve Salsa Musik abfeuern, mit „Chica casada“ den alten Latin Ska-Dampfer erneut auf Reisen schicken, bei „Send your love“ ihr Gespür für eingängigen Reggae-Pop beweisen oder beim Titelstück den Funk nach Südamerika tragen, jede Nummer strotzt nur so vor hemmungsloser Lebenslust und musikalischer Leidenschaft. Und das, obwohl die Texte auch diesmal wieder schonungslos die Missstände in der Welt ansprechen und überaus nachdenklich machen. Aber natürlich ist den Jungs dabei eines klar: Nachdenken lässt sich´s auch sehr gut beim Tanzen. Und das funktioniert zu „Son maldito“ gar prächtig.

 

Label: GLM Gmbh / V.Ö. 17.September 2010

 

 

IRIE REVOLTES „Mouvement mondial“

Nach langer, langer Wartezeit ist es endlich geschafft. Die Heidelberger Dancehall-Ska-Reggae Institution Irie Revoltes veröffentlicht mit „Mouvement mondial“ ihr heiß erwartetes, drittes Album. Und das Warten hat sich gelohnt, denn das Album strotzt nur so vor kraftvollen und eingängigen Songs. Mit der Vorabsingle „Zeit ist Geld“ zeichnete sich im Gegensatz zum Vorgänger „Voyage“ bereits eine poppigere Marschroute ab und diese wird auf „Mouvement monidal“ konsequent verfolgt und kultiviert. Der entspannte Sonnenschein Reggae von Songs wie „Merci“ und „Utopie“ geht sofort ins Ohr und klebt dort auf der Stelle fest. Auch der groovende Ska von „Explosion“ und das treibende „Motives“ könnten einschmeichelnder nicht sein und kommen dem Reggaepop von Bands wie Culcha Candela manchmal bedächtig nahe. Doch immer dann, wenn die Gefälligkeit überhand zu nehmen scheint, bringen die Iries Nummern wie den harten Dancehallknaller „Manipuration“ oder das hemmungslos nach vorne preschende „Poulet“, denen nichts von der bissigen Entschlossenheit des Vorgängers fehlt. Mit „Travailler“ ist natürlich auch die Tanzflächen- und Konzertbühnen-niederbrennende Jahrhundert-B-Seite der „Zeit ist Geld“ Single am Start. Und das zeigt eindrucksvoll, dass „Mouvement mondial“ zwar wesentlich breitenwirksamer angelegt ist, aber die neun Heidelberger nichts von ihrem Biss eingebüßt und mit Songs wie „Antifaschist“ auch textlich immer noch in klare Worte über soziale und politische Missständen sprechen. (ch)

Label: Ferryhouse Productions | V.Ö. 27. August 2010